Andreas Schulten
Stadtwerte
 

Städte als Transruptions-Zentren - Chancen und Risiken

Je dichter gesellschaftliche Infrastruktur in Form von Verkehrswegen, gewerblichen und privaten Räumen, Energie- und Sicherheitsanlagen, Massenbegeisterungs-Arenen oder Freiräumen aufeinandertreffen, desto intensiver und dichter bilden sich auch Konflikte, Synergien,Gefahren und gesellschaftliche Innovationen heraus. Aus Deutschland lesen und hören wir vom chinesischen über 50.000 Kilometer langen High-Speed-Schienennetz, dem ersten 10G-Mobilfunknetz und schauen selbst auf das nahe Paris und seinen drastischen Feinstaubrückgang im neu-grünen Zentrum. 

Wo und wie könnten ähnliche Transruptionen in Deutschland wirksam werden? Sind hohe Investitionen und starke wirtschaftliche Impulse Grundlage für Transruptionskraft? 
Eine Transruption besonderen Ausmaßes hat der Immobilienmarkt von Berlin und damit die Stadt selbst in den Zeiten der Niedrigzinsphase bis zum Zeitpunkt vor Ausbruch der Corona-Pandemie erlebt: Alle Immobilien Berlins zusammengenommen, ausgedrückt im Stadtwert, waren im Jahr 2013 schätzungsweise 370 Milliarden Euro wert. 
Danach folgte eine Transruptionsphase, die in der Gesamtschau im Städtevergleich weltweit beispiellos war. Der Stadtwert lag 2020, kurz vor dem Gipfel der Preisentwicklungen in der Niedrigzinsphase schließlich bei etwa 970 Milliarden Euro. Alle Gebäude aller Assetklassen waren massiv teurer geworden. Das war der Grund, warum Angelsachsen, Nahostinvestoren und alle anderen erdenklichen Vehikel für Immobilieninvestitionen für Jahre präsent waren in Berlin. Die gesamte Stadt hatte sich aus der Perspektive von Immobilieninvestoren in ihrem Wert binnen weniger als zehn Jahren beinahe verdreifacht. 

Aber trotz eines damit einhergehenden Booms im Städtetourismus oder eines über Jahre erstaunlich hohen Beschäftigten- und Kaufkraftanstiegs führten diese Effekte am Ende nicht zu einem resilienten „Sprung in die Zukunft“ für Berlin. Im Gegenteil. Eine kräftige und negativ bewertete Transruption sehen Wohnunsgmarkt-Aktivisten und linke Gruppen in der Entwicklung der unbefriedigten Wohnungsnachfrage und entsprechend stark steigender Mieten bei der Neuvermietung von Wohnungen. 
Sie wollen „Wohnungunternehmen enteignen!“, mit einigem politischen Erfolg. 

In der Denkweise von Nassim Taleb, dem bekannten Essayisten und Finanzmathematiker ist die Niedrigzinsphase nach der globalen Finanz- und Schuldenkrise ein typischer „Schwarzer Schwan“, also ein unvorhersehbares Ereignis, das die Stadt- und Immobilienmarktentwicklung in Berlin (und anderen deutschen Städten) in seiner Fragilität erschüttert und zu Verwerfungen in der Stadtgesellschaft geführt hat. In seinen Büchern führt er aus verschiedenen Perspektiven vor, dass zum Schutz vor unvorhergesehenen Ereignissen Antifragilität systematisch angestrebt werden sollte und damit die Eigenschaft oder Fähigkeit, sich unter Unsicherheit, Variabilität, Störungen und Stress zu verbessern. Die Nähe zur mittlerweile häufig angeführten Resilienz liegt auf der Hand. In dieser Logik wäre auch eine positive Transruption wie etwa ein tausende Kilometer langes High-Speed-Schienennetz unter Umständen nicht oder nur unter bestimmten Umständen erstrebenswert. Schnelle, disruptive Veränderungen bergen also die Gefahr ein „Schwarzer Schwan“ und entsprechend unkalkulierbar zu sein. 

Anders schaut der Soziologe Walter Siebel auf städtische Prozesse. Die zentralen Merkmale der urbanen Lebensweise in seiner „Kultur der Stadt“ lauten: Größtmögliche Arbeitsteilung und die ständige Begegnung mit Fremden. Und diese Merkmale festigen in resilienter Form städtisches Wachstum, Fortkommen und fortwährende Neuerfindung und Adaption. Und hier kommt mit der Entlastung von notwendigen Arbeiten ein Motiv und ein Ziel für disruptive Entwicklungen ins Spiel, das tatsächlich Zukunft formt. Naheliegende Beispiele der urbanen Historie sind Lifte, Kanalisation oder Straßenbeleuchtung, die uns längst vertraut und unersetzlich sind. In naher Zukunft sind die Formen von urbaner Arbeitsentlastung voraussichtlich 

  • Automatisiertes Fahren 

  • Pflegeroboter 

  • Energiespeicher 

  • Kombinierte Digital- und Analog-Erlebnisse 

Was könnte noch disruptiv wirken in Zukunft? 
Wenn man die Methode zur Ermittlung des Stadtwerts anwendet, fällt auf, dass in den kommenden Jahren vor allem eine Assetklasse im Immobilienmarkt an Wert gewinnen wird und damit Transruption sogar messbar anzeigen wird. Ob negativ oder positiv sei dahingestellt. Logistik, (Leicht-)Industrie und Gewerbe werden in den Städten künftig ihren Anteil am Stadtwert erhöhen. Alle anderen Assetklassen werden wohl eher mit Schwankungen stabil bleiben. Dahinter verbergen sich auch immer häufiger kombinierte Lösungen, wie etwa bei neu anzulegenden zivilen Schutzräumen oder Regenrückhaltebecken. Und das Thema der wohnortnahen Handwerks- und Serviceleistungen mit Handwerkerhöfen, DHL-Paketzentren etc. hat sicherlich erst begonnen, Bedeutung zu gewinnen. 

Kurz: Urbane und resiliente Transruption wird absehbar wohl eher auf den „gewerblichen Hinterhöfen“ unserer Städte stattfinden. Und der Stadtwert wird es messen können. 

Referenzen
Nassim Nicholas Taleb (2007). Der Schwarze Schwan: Die Macht höchst unwahrscheinlicher Ereignisse, München 

Walter Siebel (2015). Die Kultur der Stadt, Berlin